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Felix Stenger

Affirmation und Entfremdung: Postdisziplinäre Subjektivierung im zeitgenössischen Theater

Mein Forschungsvorhaben untersucht verschiedene Positionen zeitgenössischen Theaters hinsichtlich der Subjektivierungsmöglichkeiten, die sie artikulieren und anbieten. Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist, dass sich die normativen Appelle des Postfordismus, die auf eine emotionale und affektive Einbindung von Subjekten (und nicht zuerst auf deren Unterwerfung) zielen, ästhetisch formalisieren lassen – dass sie jedoch, wenn sie im Bereich der Ästhetik selbst erscheinen, andere Konsequenzen haben. Tatsächlich ist der Imperativ der Selbstverwirklichung in der Sphäre der Lohnarbeit unerfüllbar, wohingegen er – theatral (an)gewendet – immer schon eine Selbstbefragung seiner ästhetischen Bedingungen und Grenzen miteinschließt. So lässt sich im zeitgenössischen Theater beobachten, wie die Norm der permanenten (Selbst-)Transformation einerseits mit den formalen Bedingungen des Theaterdispositivs in Konflikt gerät, andererseits von den ästhetischen Setzungen neuerer Regiepositionen explizit herausgefordert wird – und dies in erster Linie, so meine These, mithilfe von Formen ästhetischer Entfremdung, die den vermeintlich normfreien Bereich künstlerischer Praxis (re-)normieren. Auf diese Weise treten Entfremdungserfahrungen zu den Imperativen des kreativen Kapitalismus in Konflikt, und zwar nicht, indem sie diesen von außen entgegentreten, sondern indem sie in diesen bereits angelegt sind, doch erst dort sich zeigen können, wo ihre Entfaltung kein Leiden verursacht: Im Bereich der Ästhetik, von dem sie ursprünglich ja stammen und peu à peu in das Soziale diffundierten.

Zeitgenössisches Theater zeigt auf diese Weise, dass innerhalb der neuen, postdisziplinären Subjektivierungsweisen des Postfordismus (die ja selbst bereits Produkt eines langwierigen Transformationsprozesses sind) Entfremdungserfahrungen bereits angelegt sind – sie analytisch explizit, diskursiv produktiv und interdisziplinär anschlussfähig zu machen, ist das Anliegen meiner Promotion.

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