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Rodrigo Maruy van den Broek

Recht und sozialer Wandel: Zur immanenten Kritik eines widersprüchlichen Zusammenhangs

Mein Vorhaben erforscht den Zusammenhang zwischen Recht und sozialem Wandel. Im Unterschied zu den liberalen und kritischen Rechtstheorien, welche die konstitutive Widersprüchlichkeit oder das emanzipatorische Potenzial solches Zusammenhangs übersehen, lautet meine Frage: woran liegt es, dass das Recht zugleich sozialen Wandel blockiert und verwirklicht? Meine These behauptet, es liegt daran, dass die Normativität des modernen Rechts als sozialer Praxis zugleich reflexiv und ideologisch ist. Die legitime Anwendung eines Gesetzes bedarf z.B. wohl reflexiver, kritikfähiger Auslegung; sie wird aber aus funktionalen Gründen oft als positiver und sogar zwingender, nicht kritikfähiger Befehl vollzogen. Zur ersten Fragenkonstellation und Grundhypothese des Kollegs wäre die Erörterung solches Spannungsverhältnisses womöglich aufschlussreich, da sie auf einen allgemeineren, ähnlich widersprüchlichen Zusammenhang zwischen Normativität und Kritik hinweisen könnte. Indem rechtliche Urteile oft mit einem starken normativen Anspruch auf Durchsetzung einhergehen, stellen sie ebenfalls eine Art Grenzfall der Möglichkeit der Kritik dar. Wenn die Anwendung und die Kritik einer rechtlichen Norm sich nicht als zwei bloß entgegengesetzte Tätigkeiten, sondern vielmehr als eine zugleich kontinuierliche und diskontinuierliche Praxis erweisen würden, wäre ein solcher Befund auch für die zweite Fragenkonstellation bedeutsam. Drittens konfrontiert mein Projekt das immanente normative Versprechen auf reflexive Selbstbestimmung einer modernen bzw. demokratischen Rechtsordnung mit der Tatsache, dass die eher autoritäre und subjektivierende Normativität des traditionellen Rechts im modernen fortleben muss, um Unrecht zu vermeiden. Diese normative Spannung betrifft viertens die sprachliche Verfasstheit des Rechts, die zugleich gesprochene bzw. lebendige Sprechakte und geschriebene bzw. positive Gesetze zusammenbringt, und auf den allgemeinen Zusammenhang zwischen Sprache und Normativität verweist.

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