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Marta Lietti

Mein Dissertationsvorhaben zielt darauf, eine Morphologie von Körperbewegungen in der attischen Tragödie des 5 Jh. zu skizzieren und ihr normstiftendes Potential hinsichtlich der Definierung von Geschlechterrollen neu zu bestimmen.

Die Relevanz der sprachlichen Erarbeitung von Körperbewegungen wurde für die attische Tragödie bereits in der Antike hervorgehoben (Aristoteles). In den tragischen Darstellungen von Körperbewegungen lassen sich einerseits explizite und implizite religiöse, soziale und geschlechterbedingte Verhaltensnormen erkennen. Andererseits zeigen aber die Tragödiendichter eine kritische Haltung gegenüber der mythischen und rituellen Tradition und den leitenden geschlechtlichen Standards: Transgressionen von rituellen, sozialen und geschlechtlichen Bewegungskonventionen scheinen dem antiken griechischen Theater inhärent zu sein. Das gängige Deutungsmuster, anhand dessen tragische Geschlechterüberschreitungen als schlechthin(norm-)subversiv erfasst werden, ist jedoch nicht ausreichend. Angesichts eines modernen, geschlechtertheoretischen Verständnisses von Körpertechniken – d.h. als kulturell variablen Prinzipen der Gestaltbarkeit und Verständlichkeit der vorherrschenden Geschlechter (Butler) – lassen sich auch die im künstlerischen bzw. religiösen Kontext aufgeführten (norm-)abweichenden Körperbewegungen als konstitutiv für die in Athen geltende Geschlechternormativität lesen. Eine sowohl systematische als auch historische Kontextualisierung von sich naturgemäß sprachlich manifestierenden Körperbewegungen soll dazu dienen, diese in ihrem ästhetischen bzw. literarischen, religiösen und theatralischen Dimension zu begreifen.

Eine derartige interdisziplinäre Herangehensweise an die der attischen Tragödie intrinsischen Spannung zwischen normativer Bindung und kritischer Distanzierung am Beispiel geschlechterdefinierender Körperbewegungen würde die gemeinsame theoretische Grundlagenarbeit des GKRs bereichern.

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